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02/10/2017

Robert Menasse: „Die Hauptstadt“

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Der Schriftsteller Robert Menasse über seinen Roman „Die Hauptstadt“, die geschichtspolitischen Fundamente der EU und die Selbstverliebtheit der Berliner Europapolitik.

Herr Menasse, sprechen wir über europäische Lernorte. Sie beschreiben Brüssel als einen interkulturellen Ort, an dem Europas Vielfalt aufeinandertrifft. Wie haben Sie während ihrer Recherchen in Brüssel diese europäische Vielfalt erlebt?
Brüssel ist wie ein Labor. Schon als belgische Hauptstadt trägt sie im Kleinen alles in sich, was die EU im Großen ist: Mehrsprachigkeit, große kulturelle Diversität, ein groteskes politisches System mit 19 Stadtteil-Bürgermeistern, die zu einer Einigung kommen müssen, das ist eine Miniaturausgabe Europas. Und schließlich ist Brüssel die Hauptstadt einer Nation ohne Nationsidee. Der ideale Ort für die Hauptstadt der europäischen Idee, die Nation und den Nationalismus zu überwinden. Im Zusammentreffen von Menschen verschiedener Nationen an einem gemeinsamen Projekt, Europa, entsteht eine spannende Dialektik: Jeder spielt mit den Klischees seiner Herkunft. Aber das alles mit einer gewissen ironischen Distanz zur Idee der nationalen Identität. Insofern ist Brüssel ein wunderbarer interkultureller Lernort. 

„Brüssel will“ ist für viele außerhalb der Stadt zum Sinnbild für Regelungswut geworden. Wie haben Sie diese Verwaltung kennengelernt, bei der verschiedene europäische Denkschulen zusammenprallen – von Kants moralischem Rigorismus über britischen Pragmatismus bis zu Rousseaus Gestaltungswillen? 
Über alle Kultur- und Mentalitätsunterschiede hinweg gibt es dennoch Gemeinsamkeiten. Das zeigt sich immer dann, wenn es um Grundsätzliches geht. Der Anspruch der europäischen Idee ist die Überwindung des Nationalismus und des Nationalstaats. Es geht nicht um Einebnung und Vereinheitlichung, um einen Zentralstaat mit der Hauptstadt Brüssel. Diese Vereinheitlichungsphantasie war immer der Anspruch des Nationalstaats und daran ist er gescheitert: ein Tiroler ist kein Wiener, ein Süditaliener kein Mailänder, ein Bayer wird nie Preuße sein. [...]

Weiterlesen | Frankfurter Rundschau

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